Kurz vor der Präsidentschaftswahl gerät das amerikanische Wahlrecht erneut ins Kreuzfeuer. Kritiker bemängeln, es benachteilige kleine Parteien und verzerre die Machtverhältnisse. Colorado will jetzt auf eigene Faust ausscheren. Ein Wahl-Chaos scheint programmiert.
Ach, Marc, Du Pappnase, hättste halt in der Schule mal besser aufgepaßt, anstatt Papierkügelchen auf Deine Angebetete zu verschießen, dann wärst Du jetzt nicht so überrascht. Das ganze nennt man Mehrheitswahlrecht, und das hat weder was mit Amerika noch mit George W. Bush zu tun, und ist auch nicht so neu oder so spektakulär, daß man ein paar Tage vor der Wahl anfangen müßte darüber zu staunen.
In Großbritannien haben die Konservativen auch schon mit weniger Stimmen als Labour die Wahlen gewonnen. Und bevor Du da jetzt eine anti-konservative Verschwörungstheorie drauf aufbaust, es hat dort auch Labour schon mit weniger Stimmen die Konservativen geschlagen. Frag mal die britischen Liberalen, wieviele Sitze sie all die Jahre mit 20 Prozent der Stimmen hatten.
Mußte deswegen der Untergang des Abendlandes ausgerufen werden? Nein. Hat nämlich bisher niemanden gestört. Und zwar zurecht, denn solange beide Seiten gleichermaßen davon profitieren können, ist das unerheblich. Und den Nachteilen des Mehrheitswahlrechts stehen Vorteile gegenüber, die es zumindest als gleichberechtigt neben dem Verhältniswahlrecht erscheinen lassen.
So haben anders als hierzulande rechts- oder linksradikale Parteien keine Chance. Das Mehrheitswahlrecht erzwingt geradezu eine Mäßigung der Parteien, weil ohne den Sieg in der politischen Mitte keine realistische Chance auf Parlamentssitze besteht. Auch sind Regierungen in Staaten mit Mehrheitswahlrecht auch ohne undemokratische Hilfsmittel wie 5%-Klauseln stabil.
Ferner sind im Mehrheitswahlrecht die gewählten Volkvertreter ihren Wählern verantwortlich und nicht wie im Verhältniswahlrecht den Präferenzen zwielichtiger Parteifunktionäre, die in irgendwelchen Hinterzimmern nach persönlichen Vorlieben Landeslisten auskungeln. Parteien sind dort verglichen mit unserem System vergleichsweise machtlose wie basisdemokratische Wahlbündnisse, mehr nicht.
Mein Vorschlag, Marc: Flieg nach Florida, schnapp Dir in Key West ein Boot und paddel nach Kuba. Da ist die Welt noch in Ordnung. Die mögen Deinen Stil, glaub mir. Aber verschon' uns bitte in Zukunft mit Deinen so erbärmlichen wie inkompetenten USA-"Berichten". Ach ja, und nimm Michael Moore mit. Zu zweit seid Ihr schneller da, und ihr beiden Kasper habt Euch bestimmt ne Menge zu erzählen.