Die Grafik, die auf den Daten einer in Las Vegas ansässigen privaten Sicherheitsfirma und Erkenntnissen des militärischen US-Geheimdienstes beruht, zeigt die ganze Dramatik: Es handelt sich keineswegs um isolierte Angriffe, wie Alawi und Bush zu vermitteln versuchen.
Laut dieser Analyse, schreiben die "NYT"-Reporter James Glanz und Thom Shanker, erreichten die Anschläge im April ihren Höhepunkt. Ursache waren die heftigen Kämpfe um die Widerstandshochburg Falludscha. Täglich wurden dort zu dieser Zeit 120 Anschläge verzeichnet.
Die Zahl der Angriffe allein reicht indes nicht zur Beschreibung der Lage. Beispiel Falludscha: Hier nahmen nach April die Attacken rapide ab. Allerdings ist die Stadt auch in den Händen der Aufständischen - und sowohl für amerikanische Militärs als auch für irakische Sicherheitskräfte unbetretbar. Ein Ort also, in dem Wahlen - ohne eine entscheidende politische oder militärische Wende - de facto nicht abgehalten werden können.
Sehr interessante Karte, SPIEGEL, gar nicht schlecht! Bezeichnend allerdings, daß Ihr Eure seit Urzeiten ersten halbwegs brauchbaren Nachrichten zum Irakkonflikt von der Konkurrenz abschreiben müßt. Und selbst diese eingekauften Informationen entwertet Ihr durch verfälschende Kommentare, die zudem den Eindruck erwecken, als ob man in der Redaktion selber gar keinen Blick auf die Karte geworfen hätte. Denn anhand der Statistik läßt sich z.B. nicht eindeutig ausschließen, daß hier manche Schießerei gleich 3-mal gezählt wurde. Eine kurze Nachfrage unter den Redakteurskollegen, die beim Bund waren, hätte auch ohne weitere Recherche nämlich ergeben, daß man Handfeuerwaffen, RPGs und Handgranaten auch ohne Verstoß gegen die Genfer Konvention durchaus zusammen einsetzen darf. Daher sollten Überschriften wie "2368 Angriffe" etwas vorsichtiger gewählt werden.
Ferner wäre dem geschulten Auge Eurer Militärspezialisten sicher nicht entgangen, daß nur in einem Drittel der Fälle die Terroristen es mal gewagt haben, den Alliierten Streitkräften tatsächlich mal ein Gefecht zu liefern. Das sind ca. 20-25 derartige Vorfälle pro Tag. Oder anders ausgedrückt: Selbst wenn man mal fälschlicherweise annimmt, das unsere heldenhaften Kopfabschneider nur militärische Ziele angreifen, wird im Schnitt jedes eingesetzte alliierte Bataillon vielleicht einmal pro Tag direkt beschossen, wenn überhaupt. Ohne die Zahlen jetzt genau zu kennen, wage ich mal die Behauptung, daß die Zahl der im selben Zeitraum von besagtem Bataillon eröffneten Schulen, wiederaufgebauten Brücken etc. um einiges höher liegen dürfte. Ein richtiger Krieg, so wie Ihr ihn Euch permanent herbeiphantasiert, sieht jedenfalls anders aus.
Im übrigen redet niemand davon, daß die Angriffe der Terroristen isoliert sind, sondern nur davon, daß diejenigen, die sie durchführen, es sind. Vielleicht nicht voneinander, offenkundig auch nicht von Euresgleichen, aber mit Sicherheit vom größten Teil der Bevölkerung. Oder glaubt außerhalb jener Linksrassisten, für die Araber nur demokratieunfähige Untermenschen sind, irgendjemand tatsächlich, die Irakis wünschen sich mehrheitlich auf die gewonnen Freiheiten wieder verzichten zu können? Saddam-TV in Endlosschleife statt Internetcafe? Gestapoterror statt offener Diskussion? Hunger statt Wiederaufbau? Die Dummheit solcher Annahmen aus deutschem Munde wird nur durch ihre dreiste - und angesichts der letzten Wahlergebnisse in Brandenburg und Sachsen völlig unangebrachte - Arroganz übertroffen.
Vollends den Vogel schießt allerdings die lächerliche Behauptung ab, daß eine Stadt wie Falludscha von den alliierten Truppen nicht mehr betreten werden kann. Die Frage ist höchstens, ob es derzeit opportun wäre, das bereits jetzt durchzusetzen. Aber in dem Moment, wenn die irakische Regierung wirklich beschließt, dem Spuk ein Ende zu machen, wie lange, lieber SPIEGEL, können sich Eure revolutionären Volkskrieger dann wohl halten? Und bevor Ihr die erstbeste Antwort heraustrompetet, erinnert Euch noch mal daran, wie weit ihr in Nadschaf danebengelegen habt, als al-Sadrs Kinderguerilla chancenlos zusammengeschossen wurde. Und wenn ihr Euch dann korrigiert habt, ratet mal, hinter wem sich die "Widerstandkämpfer" denn diesmal verkriechen können. In Falludscha gibt's nämlich keinen heiligen Schrein, auf den man Rücksicht nehmen müßte. Und? Gefällt Euch das Ergebnis? Nein? Na also, geht doch.